Wenn Orte ihre Bedeutung verlieren

von | 27. September 2026 | Essays

Innenraum der Alten Kirche am Markt in Nordhorn

Über Kirchen, Orte der Begegnung und die Frage, was eine Gemeinschaft zusammenhält

Wenn ich die Tür zur Alten Kirche am Markt für eine Turmführung aufschließe, komme ich meistens etwas früher. Ich mag diese Minuten, bevor die ersten Besucher kommen. Es ist still in der Kirche, und ich nutze diese Ruhe gerne für ein stilles Gespräch mit Gott.

Danach warte ich auf meine Gäste. Manchmal kommen viele, manchmal wenige, und manchmal steht tatsächlich nur ein einziger Mensch vor mir. Das macht für mich keinen Unterschied. Diesem einen Besucher erzähle ich mit derselben Begeisterung von unserer Kirche, mit der ich auch vor 150 Menschen einen Vortrag halte. Wahrscheinlich liegt das daran, dass dieser Ort für mich viel mehr ist als ein altes Gebäude.

Mein Vater hat hier als Jugendlicher noch die Glocken von Hand geläutet. Er erzählte mir, was für eine Mordsgaudi es für die Kinder damals war, sich an die Glockenseile zu hängen und ein Stück mit nach oben ziehen zu lassen. Wenn ich heute im Turm stehe, ist das für mich deshalb nicht nur irgendeine Geschichte aus vergangenen Zeiten. Sie verbindet mich mit meinem Vater und mit einem Nordhorn, das es so nicht mehr gibt.

Wenn einmal niemand zur Turmführung kommt, steige ich trotzdem hinauf. Dann habe ich den Turm für eine Weile für mich, lasse meinen Blick über Nordhorn schweifen und mit ihm manchmal auch meine Gedanken.

Meine Familie lebt seit fünf Generationen hier. Einer meiner Vorfahren, Wilhelm Pauling, kam Mitte des 19. Jahrhunderts in die Grafschaft und war hier Chausseegeldeinnehmer und später Auktionator. Mein Großvater verlor früh seine Eltern und war auf die Hilfe seines Onkels angewiesen. Bei ihm begann er 1904 seine Ausbildung zum Konditor, ausgerechnet dort, wo sich heute mein Büro befindet. Solche Geschichten gehören für mich zu Heimat. Nicht im Sinne von Besitz oder Herkunft, auf die man sich etwas einbilden könnte, sondern weil sie Menschen, Zeiten und Orte miteinander verbinden.

Mein Vater war ein ausgesprochen großzügiger Mensch. Wenn Hilfe gebraucht wurde und er helfen konnte, tat er es. Er unterstützte seine Kirchengemeinde ebenso wie die Bentheimer Freilichtbühne, und meine Eltern waren beide im CVJM engagiert. Darüber wurde bei uns nicht viel gesprochen. Es gehörte einfach dazu. Diese Haltung ist mir geblieben: Eine Gemeinschaft funktioniert nicht von selbst. Jeder muss nach seinen Möglichkeiten sein Bestes dazu beitragen, dass sie nicht auseinanderbricht.

Ich liebe meine Heimat. Nicht, weil hier alles besser wäre als anderswo, sondern weil hier meine Geschichte liegt und weil ich mich dieser Stadt und den Menschen, die in ihr leben, verbunden fühle. Das gilt auch für meine Kirchengemeinde. Wenn ich sonntags meinen Dienst als Kirchenältester versehe und die Menschen mit einem Lächeln und einem herzlichen Willkommen begrüße, ist das für mich keine Pflichtübung. Ich freue mich auf bekannte Gesichter, auf ein paar Worte vor oder nach dem Gottesdienst und manchmal auf ein längeres Gespräch. Mir würde etwas fehlen, wenn es diesen Ort nicht mehr gäbe.

Aber was verlieren wir eigentlich, wenn Kirchen, Gemeindehäuser, Vereinsheime und andere Orte verschwinden, an denen Menschen sich begegnen? Sind es tatsächlich nur Gebäude?

Natürlich verändert sich unsere Gesellschaft. Kirchengemeinden werden kleiner, Vereine kämpfen um Nachwuchs, Gewerkschaften und Verbände verlieren Mitglieder. Strukturen, die über Jahrzehnte selbstverständlich waren, sind es plötzlich nicht mehr. Das kann man bedauern, aber man wird diese Entwicklung nicht dadurch aufhalten, dass man an jedem Gebäude festhält, nur weil es schon immer da war.

Als Immobilienmakler und Immobilienbewerter weiß ich sehr genau, dass ein Gebäude unterhalten werden muss. Dächer müssen repariert, Heizungen erneuert und Versicherungen bezahlt werden. Auch für eine Kirche gelten diese wirtschaftlichen Realitäten. Wenn immer weniger Menschen ein Gebäude nutzen und immer weniger Menschen seine Kosten tragen können oder wollen, muss man darüber sprechen dürfen, was mit ihm geschieht.

Trotzdem ist eine Kirche niemals nur eine Immobilie. Ihr Wert lässt sich nicht vollständig in Quadratmetern, Bodenwerten oder Herstellungskosten ausdrücken. Menschen wurden dort getauft, haben geheiratet und Abschied genommen. Sie haben Trost gesucht, gebetet, gefeiert und gestritten. Manche haben dort ihren Glauben gefunden, andere vielleicht auch verloren. Nichts davon taucht in einer Wertermittlung auf, und doch gehört es zur Geschichte und zum Wert dieses Ortes.

Das gilt nicht nur für Kirchen. Ein Vereinsheim, eine alte Gaststätte oder ein Gemeindehaus besteht natürlich zunächst aus Grundstück, Mauern und Dach. Wenn ein solcher Ort verschwindet, geht aber mitunter etwas verloren, das sich nicht einfach an anderer Stelle neu bauen lässt: die Gewohnheit, dort zusammenzukommen, die Erinnerungen und vor allem die Begegnungen zwischen Menschen.

Das finde ich in einer Zeit bemerkenswert, in der wir so viel über Vernetzung sprechen. Noch nie war es so einfach, miteinander in Kontakt zu bleiben. Wir schreiben uns, schicken Bilder, führen Videokonferenzen und wissen innerhalb weniger Sekunden, was ein Mensch am anderen Ende der Welt gerade tut. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die Orte weniger werden, an denen wir uns tatsächlich begegnen. Orte, an denen nicht vorher feststeht, wer auf wen trifft. Wo der Ältere neben der Jüngeren sitzt und der Wohlhabende neben jemandem, der jeden Cent umdrehen muss. Menschen kommen miteinander ins Gespräch, die sich im Alltag vermutlich nie begegnet wären. Kirchen können solche Orte sein und waren es über Jahrhunderte.

Das heißt für mich ausdrücklich nicht, dass jede Kirche um jeden Preis in ihrer bisherigen Form erhalten werden muss. Manchmal braucht es eine neue Nutzung. Viele Kirchengebäude liegen mitten in unseren Städten und Wohnquartieren und verfügen über Säle, Nebenräume und Küchen. Es liegt doch nahe, darüber nachzudenken, ob dort Vereine proben, Initiativen arbeiten oder Nachbarschaften zusammenkommen können. Und wenn ein Gebäude wirklich nicht sinnvoll zu erhalten ist, darf auch eine ganz andere Nutzung kein Tabu sein. Wo Wohnraum gebraucht wird, kann an einem solchen Ort auch Wohnbebauung richtig sein.

Innenraum der Neuen Kirche an der Friedrich-Ebert-Straße in Nordhorn

Die Neue Kirche in Nordhorn steht zum Verkauf. Damit stellt sich ganz konkret die Frage, welche Nutzung und welche Bedeutung ein solcher Ort künftig haben kann.

Beim Denkmalschutz sehe ich es ähnlich. Ich liebe historische Gebäude und möchte, dass möglichst viele von ihnen erhalten bleiben. Das funktioniert aber nur, wenn sie auch genutzt werden können. Ein Gebäude, das aufgrund starrer Vorgaben kaum verändert werden darf, für das sich deshalb keine sinnvolle Nutzung findet und dessen Unterhaltung am Ende niemand mehr bezahlen kann, ist nicht gerettet. Es verfällt dann schlimmstenfalls mit besten Absichten. Für mich schließt der Erhalt eines Gebäudes deshalb Veränderungen nicht aus. Manchmal sind sie überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass es eine Zukunft hat.

Die Frage ist, ob es gelingt, bei einer neuen Nutzung auch etwas von der Bedeutung eines Ortes zu bewahren. Können dort weiterhin Menschen zusammenkommen, oder sehen wir irgendwann nur noch das Grundstück, die Lage und die mögliche Geschossfläche? Darauf habe ich keine allgemeingültige Antwort. Ich finde nur, dass wir darüber sprechen sollten, bevor die Türen endgültig geschlossen werden. Sonst merken wir womöglich erst hinterher, was uns fehlt.

Wenn ich sonntags an der Kirchentür stehe und die Menschen begrüße, passiert dabei eigentlich etwas ganz Alltägliches. Zwei Menschen bleiben nach dem Gottesdienst noch miteinander im Gespräch, weil einer gemerkt hat, dass es dem anderen nicht gut geht. Jemand nimmt sich Zeit für einen anderen, ein Verein stellt gemeinsam etwas auf die Beine oder Menschen übernehmen Verantwortung, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Nichts davon taucht in einer Statistik oder einer Bilanz auf. Und trotzdem ist es genau das, was eine Gemeinschaft im Inneren zusammenhält.

Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, dass die Strukturen dafür einfach da sind: die Kirche, der Verein, die Freilichtbühne, das Gemeindehaus. Dabei stehen dahinter immer Menschen. Jemand schließt die Tür auf, bereitet etwas vor, übernimmt einen Dienst und räumt anschließend wieder auf. Der eine gibt Geld, der andere seine Zeit, ein Dritter hört einfach zu. Vieles davon fällt kaum auf. Oft bemerken wir erst, wie wichtig es war, wenn es nicht mehr geschieht.

Wenn ich nach einer Turmführung wieder hinuntersteige und die Tür der Alten Kirche abschließe, denke ich natürlich nicht jedes Mal über all das nach. Meistens freue ich mich einfach über eine schöne Führung und über die Menschen, die gekommen sind. Manchmal bleibe ich aber noch einen Moment stehen und denke daran, wie viele Menschen vor mir diese Tür geöffnet haben und dass nach mir hoffentlich andere kommen werden, die das ebenfalls tun.

Nicht, weil alles so bleiben muss, wie es immer war. Eine Stadt verändert sich, eine Gesellschaft verändert sich und auch eine Kirche muss sich verändern können. Was wir dabei nicht verlieren sollten, sind die Orte, an denen Menschen noch zusammenkommen, miteinander reden und füreinander da sind.

Und dafür braucht es am Ende immer jemanden, der die Tür aufschließt.

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